Moin!
Die, die jetzt denken es gibt hier das Rezept, wie man schnell an ADHS-Diagnose oder Behandlung kommt, muss ich leider enttäuschen: Ich habe selber 30 Jahre nach Hilfe gesucht. Trotzdem erzähle ich Euch die Erfahrungsgeschichte von meinem ADHS Speed-Run.
Symptome: Anhedonie (Freudlosigkeit), Exekutive Dysfunktion außer im Job, übermäßiges Ruhebedürfnis nach sozialer Interaktion, das Gefühl ständigem "Maskings", zeitweise enorme Müdigkeit, innere Leere, innere Unruhe, Gedankenkarussell aber trotzdem "Brain Fog", übermäßig sensibel bis hin zum "Meltdown" in lauten Umgebungen und in Menschenmassen.
Vor 25 Jahren hieß die Diagnose dazu: mittelschwere depressive Episoden. Später habe ich alle Antidepressiva-Klassen ausprobiert außer Lithium, aber "hartes Zeug" wie MAO Hemmer inklusive. Es hat frappierenderweise gar nichts irgendwie gewirkt oder neben-gewirkt, war wie Zuckerpillen essen.
Dann hieß es: Trauma. PTSD, oder eigentlich C-PTSD, aber das war damals noch nicht kodifizierbar. Also Gesprächstherapie und EMDR.
Es war immer irgendwie auch Autismusverdacht dabei, damals nannte man das ja noch Asperger, hat aber keiner verfolgt. Genau so wie Verdacht auf Angststörung.
Vor einigen Jahren sah ich dann ein Video vom Chaos Computer Club über eine Frau mit ADHS, die erzählte, wie sich ihr Gedankenkaroussel dreht, wenn sie irgendwo hin reisen muss: Was muss ich mitnehmen? Wie wird das Wetter? Was, wenn der Bus nicht fährt? Tausend Dinge, absolut lähmend.
Also der Versuch, ADHS Diagnose zu kriegen. Wie viele von Euch wissen: Fark that. Alles ausgebucht, selbst privat, und das wenige was es gibt, ist alles nur für Kinder.
Zeitsprung Anfang 2024: Eine Hausärztin, die vermutlich auch ADHS hat und darum "im Thema" zu sein scheint, sagte mir, sie "kennt da jemand, der ein bisschen verrückt ist". Ich so: "Oh ja!"
Zeitsprung 2025, weil ich mir "aus Gründen" erstmal noch in der lokalen Klinik einen Termin holen musste, den es überhaupt nur mit unverhohlenen Rechtsmittel-Drohungen und sechs Monaten Wartezeit gab. Da wurde mir, wenig überraschend, der Klassiker präsentiert: "Da sie nicht in der Schule sitzen geblieben sind, und kein arbeitsloses Wrack, können Sie kein ADHS haben, guten Tag".
Ich weiß nicht was die Leute in dieser Klinik beruflich so machen, aber "helfen" oder "Medizin" kann es jedenfalls nicht sein.
Ich werde danach endlich bei dem Spezialisten diagnostiziert. Fragebögen. Anschließend: "Gratuliere: Sie haben atypischen Autismus und ADHS - aber sowas von!" Aber auch schon mit dem Hinweis: Trauma kann wie ADHS aussehen.
Es folgten weitere Untersuchungen mit viel viel Wartezeit und der dreistesten MRT-Praxis der Nation. Dann schlussendlich durfte ich Medikamente bekommen. Standard wäre Medikinet, ich wollte aber Elvanse. Bekam ich dann auch (Generikum).
Elvanse tat, bis near-as-makes-no-difference zur Höchstdosis - nix. Gar nix. Nicht mal Blutdruck oder Puls wurden beeinflusst, keine Nebenwirkungen, nix. Der Drogentest, den ich auf Ebay bestellte, hat aber noch eine Woche lang bezeugt, dass ich erfolgreich "Amphe p*sse", also die Auftrennung in Lysin und Amph, die war erfolgreich (aber die ist biologisch auch ultra robust, die würde vermutlich sogar noch im Koma funktionieren ...)
Also nächste Station: Ritalin Adult. Das tat auch nix. Ebenfalls auch nix vegetatives. Null. Wie Smarties essen.
Gestern habe ich also meine Diagnose ADHS wieder verloren - daher "Speed Run". Toll. Ich hatte das grade in meinem Podcast thematisiert. Gut, dass ich das AuDHD T-Shirt noch nicht bestellt habe ...
Die Folgerung ist jetzt, dass ich atypischen Autismus und Trauma habe, und das Trauma bei mir voll wie ADHS wirkt, mit allen Symptomen und Leiden, aber es IST kein ADHS, weil es nicht auf die Medikamente anspricht und damit nicht den Diagnosekriterien genügt.
(edit: Ich kopiere den Teil mal hier oben rein, weil ich das für das Verständnis für relevant halte: Die Diagnosekriterien (ICD-10) für ADHS in Deutschland sehen vor, dass per Differentialdiagnose geguckt werden muss, ob es nicht mit höherer Wahrscheinlichkeit etwas anderes sein kann. Wenn es also mit höherer Wahrscheinlichkeit "Trauma, sieht aus wie ADHS" ist, dann darf konsequenterweise kein ADHS diagnostiziert werden. Insofern ist das schon richtig und logisch einleuchtend - finde ich.)
Ist zwar blöd, dass ADHS jetzt offiziell weg fällt - für den GDB-Antrag zum Beispiel, aber Autismus plus Trauma ist immer noch heftig, und die Diagnose hilft mir ungemein. Ich gehe relativ offen mit diesen Sachen um, und zu anderen oder auch nur mir selbst sagen zu können: "Das wird mir jetzt zu viel, mein Hirn ist anders gestrickt als Eures" hilft mir schon ungemein.
Wie geht's weiter? Mein Arzt hält Guanfacin (fände ich interessant) nicht für vertretbar, ich sehe, wie er auch, in Amoxetin nicht so die Chance. Dass die Medikamente nicht mal vegetativ wirkten (ich hätte nach Amphetamin direkt schlafen können wie ein Kleinkind ...) könnte bedeuten, dass ich das mit ganz seltener Genetik zu schnell verstoffwechsele, aber der Drogentest spricht dagegen, und der Labor-Gentest ist außerhalb der vertretbaren Diagnostik.
Ich habe vorgeschlagen, mal über Endokrinologe Laborwerte machen zu lassen über die "Precursor" im Blut, die für die Botenstoffe im Hirn ausschlaggebend sind, über Schilddrüse und auch mal Hormonspiegel, das ist noch nicht vom Tisch.
Aller Voraussicht nach werden es aber als nächstes niedrig dosierte Neuroleptika der 2. Generation. Also nach meinem Kenntnisstand die Sachen, die das Gehirn beruhigen und Dopamin and Friends eher senken, als sie zu erhöhen. Das könnte das Gehirnkarussell beruhigen und die innere Unruhe verbessern, aber könnte auch wieder die Anhedonie steigern; muss man halt mal sehen. Jedenfalls haben diese Präparate in Studien Autisten geholfen mit der Welt etwas besser klar zu kommen, und können niedrig dosiert eventuell auch die ADHS-Symptome etwas eindämmen, wenn die eben NICHT von ADHS, sondern von Trauma kommen.
Ultimativ leuchtet das ja auch ein: Trauma, grade langfristiges und frühkindliches, führt dazu, dass sich das Hirn anders entwickelt und später ständig im Stress ist. "Fight or Flight" sozusagen. Wenn das voll durchschlägt, endet das womöglich in Schizophrenie, das weiß ich nicht und ist reine Spekulation, aber es würde erklären, warum Trauma ADHS-Symptome produzieren kann, die von ADHS nicht unterscheidbar sind; soviel ist bekannt.
Ich freue mich, falls dieses Wissen dem ein oder anderen helfen kann; ich musste mir das jedenfalls zusammen suchen, als ich perplex recherchiert habe, warum der "große Hoffnungsträger" Elvanse bei mir so gar nichts tat.
Ich nehme gerne Ratschläge und freue mich auch, wenn Diskussion entsteht, aber ich suche grade nicht verzweifelt Rat, das ist mein Erfahrungsbericht. Ganz besonders, nix für Ungut, schreibt mir bitte nicht "probiert stattdessen dies und das", es sei denn es ist medizinisch fundiert, und schreibt mir bitte nicht: "Such dir einen anderen Arzt." Ich habe 30 Jahre gesucht. Dieser hier ist sehr gut in seinen Themen, auch ADHS, und hat sich schon jetzt mehr gekümmert als jeder andere Arzt in diesen 30 Jahren, und wir sind vielleicht nicht mit allem, aber doch weitgehend auf der selben "Wellenlänge".
Thanks for listening to my TED talk.