Als Kind war meine Aufgabe nie, Kind zu sein. Ich musste früh aufpassen, dass die Familie nicht ins Minenfeld tritt. Auf die Eltern, auf die Geschwister, auf den brüchigen Frieden dazwischen. Dabei wusste ich selbst nie, wo die nächste Mine liegt. Wie auch? Ich war ein verdammtes Kind. Ich habe früh gelernt, für andere zu schauen. Und jetzt, als Erwachsener, weiß ich für andere immer, was zu tun ist. Nur für mich selbst stehe ich noch immer im Minenfeld. Und diesmal ganz allein.
Ich bin Anfang 20, habe ADHS und bin seit einer Weile auf Elvanse. Mir ist inzwischen klar, was das Muster ist und woher es kommt. Trotzdem ändert dieses Wissen nichts.
Ich lebe nicht wirklich für mich. Ich bin mir selbst kein Freund. Wenn ich ehrlich bin, bin ich mir schlicht egal. Meine Ziele? Irgendwie nicht so wichtig. Wenn ich eine Mahlzeit auslasse, merke ich es kaum. Ich vergesse zu trinken. Ich genieße nichts wirklich. Ich bin immer irgendwie präsent für andere, für Gespräche, für Probleme, für Momente, die andere erleben. Aber sobald es um mich geht, ist der Kanal weg. Als würde ich nie wirklich ankommen, nie im Moment sein, immer irgendwo daneben stehen und zuschauen, wie mein Leben passiert.
Das Muster hat auch meine Eltern geprägt. Sie haben auch nie wirklich für sich selbst gelebt. Vielleicht habe ich das einfach gelernt. Dass man selbst hinten ansteht. Dass andere wichtiger sind. Dass der eigene Wert irgendwie... verhandelbar ist.
Beim Lernen ist es dasselbe. Ich optimiere meine Flashcards stundenlang, richte alles perfekt ein, recherchiere die beste Methode und lerne dann nicht. Die Werkstatt ist makellos. Der Schreiner kommt nie. Irgendwo fehlt mir die Überzeugung, dass ich es wert bin, für mich selbst etwas aufzubauen.
Das Paradoxe ist: Wenn mich ein Professor lobt, bin ich kurz selbstbewusst. Wenn ich Aufmerksamkeit bekomme, fühle ich mich kurz gut. Aber es hält nie. Es zieht durch, wie Wasser durch Sand. Ich brauche diesen externen Input ständig, aber er gibt mir nichts, was bleibt. Kein echtes Fundament. Nur kurze Momente, in denen ich mich durch andere Augen sehe und denke, okay, vielleicht bin ich doch etwas wert. Und dann ist es wieder weg.
Elvanse hilft mir beim Fokussieren, wenn der Antrieb schon da ist. Aber es gibt mir nicht das Gefühl, dass ich mir selbst wichtig bin. Das war auch nie seine Aufgabe.
Ich bin bereits in Therapie, also bitte keine Empfehlungen in die Richtung. Ich suche echte Erfahrungen von Leuten, die das kennen.
• Wie habt ihr angefangen wieder, wirklich im Moment zu sein, Dinge zu genießen oder euch selbst zu fühlen? Durst, Interessen, Gesundheit, Ziele? Wie seid ihr aus dieser unsichtbaren Rolle rausgekommen, in der ihr früh gelernt habt, dass ihr selbst nachrangig seid? Hat sich das schleichend verändert oder gab es einen konkreten Moment, eine Methode, eine Erkenntnis, die den ersten echten Riss gemacht hat?
• Wie seid ihr aus dem Modus gekommen, in dem ihr ständig beschäftigt seid, aber vor der Verantwortung euch selbst gegenüber weglauft? Wie habt ihr aufgehört, euch selbst zu übergehen? Ich optimiere Karteikarten stundenlang, helfe anderen, denke über das Leben anderer nach, aber nicht über meins. Heute brennt eine Idee, morgen ist sie schon wieder unrelevant und ich realisiere, dass eigentlich nur wieder vom Wesentlichen abgekommen bin. Seit Jahren versuche ich Gewohnheiten aufzubauen. Seit Jahren fange ich neu an. Was war bei euch der Unterschied zwischen dem hundertsten Neustart und dem, der tatsächlich gehalten hat? War es eine andere Methode oder war es etwas in euch, das sich vorher verändert hatte?
• Hattet ihr auch diese Phase, in der ihr zwar wusstet, dass ihr Potenzial habt und andere euch das auch gesagt haben, ihr es aber einfach nicht genutzt habt, weil ihr euch selbst nichts wert wart? Was hat bei euch dafür gesorgt, dass ihr dieses Potenzial zum ersten Mal wirklich für euch selbst eingesetzt habt?
• Wenn ihr lange keine eigenen Interessen hattet oder alles nur durch die Brille „Was kann ich optimieren?“ gesehen habt: Wie habt ihr wieder herausgefunden, was euch wirklich interessiert (unabhängig davon, wie nützlich oder beeindruckend es für andere ist)?
• Wenn ihr heute auf euer früheres Ich zurückschaut (das sich selbst nicht wichtig war, nichts genießen konnte und nur funktioniert hat): Was würdet ihr sagen, war rückblickend der erste minimale, aber echte Beweis dafür, dass ihr angefangen habt, anders mit euch umzugehen?
Ich will wissen, wie das bei echten Menschen aussah. Nicht was in Büchern steht.